Trigon Themen 3|2019

Inhaltsvolle Lösungen durch inhaltsfreieres Arbeiten

Erkenne dich selbst. Die Lebensphasen des Menschen.

von Günther Karner

Spätsommer 2019. Der Urlaub ist bald vorbei. Ich sitze in meinem Garten. Es ist ein Schaugarten über das Wunder des menschlichen Lebenslaufes.

Meine Kolleginnen und Kollegen haben mich gebeten, einen Artikel über den menschlichen Lebenslauf zu verfassen. Während ich darüber nachdenke, wie ich das Ganze anlegen soll, umflattern mich farbenfrohe Schmetterlinge. Angelockt hat sie wohl der violett leuchtende Schmetterlingsstrauch. Während ich ihr Treiben beobachte, kommt mir in den Sinn, dass die Metamorphose des Schmetterlings vom Ei-Stadium über die Raupe, die Puppe bis hin zum Falter in vielen Kulturen als Symbol für die menschliche Entwicklung gesehen wird.

Rückblick

Seit rund 30 Jahren befasse ich mich mit den Entwicklungsphasen des Menschen. Angeregt dazu wurde ich von den Trigon-Urvätern Friedrich Glasl und Hans von Sassen. Ihre Ausführungen haben mich so stark berührt, dass ich Jahre später einen Garten angelegt habe, in dem ich den Lebenslauf des Menschen und die großen Fragen unseres Daseins – „Woher kommen wir?“, „Wie entwickeln wir uns?“, „Wohin gehen wir?“ – ins Zentrum aller Gestaltungsüberlegungen gestellt habe. Ich wollte den Menschen die grandiose Idee der Entwicklung und der Lebensphasen in einer neuen Art und Weise näherbringen.

Es entstand ein kleines Refugium mit einer Übersicht über Phasenmodelle und einem so genannten vorgeburtlichen Garten. Durch einen gemauerten Geburtsbogen geht es dann hinein ins Leben. Entlang bunter Blumenrabatte folgt der Besucher zehn Gartenräumen (Lebensphasen/Stationen), die den Weg des Menschen durch sein Leben symbolisieren. Bevor der Pfad des Lebens in den Paradiesgarten und in eine neue Dimension mündet, wartet noch ein mächtiger Schwellenstein. Aber zurück zur Idee der Lebensphasen…

Die Lebensphasen des Menschen

Seit über 2.000 Jahren gibt es dokumentierte Vorstellungen über den Lebenslauf des Menschen:

  • Lucius Annaeus Seneca (1-65 n. Chr) ging von 2 großen Lebensphasen aus,
  • 3 Lebensphasen finden wir in der chinesischen Antike und bei Aristoteles (384-322 v. Chr.),
  • 4 Lebensphasen (zu je 20 Jahre) bei Pythagoras (570-510 v. Chr.) und im Hinduismus,
  • 5 Lebensphasen (zu je 15 Jahren) bei Marcus Terentius Varro (117-27 v. Chr.) und Charlotte Bühler (1893-1974),
  • 6 Lebensphasen bei Konfuzius (551-479 v. Chr.) und Romano Guardini (1885-1968),
  • 7 Lebensphasen bei Hippokrates (460-370 v. Chr.) und William Shakespeare (1564-1616),
  • 8 Lebensphasen bei Erik Erikson (1902-1994),
  • 9 Lebensphasen (zu 9 Jahren) bei Paul Ferrini und
  • 10 Lebensphasen (zu je 7 Jahren) bei Staatsmann Solon (640-559 v. Chr.).

Das NPI/Trigon Lebensphasenmodell

Ich arbeite am liebsten mit dem Modell der vier großen Lebensphasen, die sich wiederum in jeweils drei Mal sieben Jahre unterteilen lassen. Es geht zurück auf den Geisteswissenschaftler Rudolf Steiner (1861-1925) und den Arzt und Organisationsentwickler Bernard Lievegoed (1905-1992), der das NPI gegründet hat, an dem auch Friedrich Glasl und Hans von Sassen wirkten.

Lievegoed ging davon aus, dass jede der vier großen Phasen, aber auch jedes Jahrsiebt, geprägt ist von speziellen Bedürfnissen, Einstellungen, Werten und Motiven. In jeder Phase entwickeln sich auch bestimmte Fähigkeiten. Dazu beispielhaft eine Beschreibung zum 7. Jahrsiebt (42-49 Jahre) in meinem Garten:

„Midlife-Krise: Ich fühle, ich muss mich entscheiden, was ich weiterverfolgen und was ich loslassen will. Ich muss lernen, mein Leben zunehmend aus einer überpersönlichen, höheren Warte aus zu sehen und zu gestalten. Nur so kann ich eine neue Kreativität finden.

Jetzt, an diesem Wendepunkt, gilt es, meine innersten Visionen, Ideen und Leitbilder zu verwirklichen. Bemühe ich mich, mein höheres Selbst zu verwirklichen, kann es zum Durchbruch geistiger Inspirationen und spiritueller Kräfte kommen. Dann bin nicht ich es, der denkt und waltet, sondern der Geist in mir.

Die Gefahr dieser Zeit liegt darin, dass ich mich den neuen Anforderungen nicht stelle, dass ich vor mir selbst und meinen wirklichen Aufgaben fliehe und alle Zweifel mit noch mehr Arbeit, Sport, anderen Partnern oder Drogen in die Flucht zu schlagen versuche. Die langfristigen Schattenseiten dieses Tuns können sich in Zynismus, Pessimismus oder Erstarrung äußern.“

Die Jahreszahlen für die Phasenübergänge sollen nur als ungefähr betrachtet werden. Je älter der Mensch wird, desto individuell verschiedener werden sie. Beim einen kommen sie früher, beim anderen später. Der Übergang in eine neue Phase ist manchmal sehr auffallend markiert und vielleicht von Krisen begleitet. Öfters gehen Perioden kaum merkbar ineinander über. Eine Entwicklungsphase kann auch zu früh oder zu spät eintreten, was meist zu typischen Lebensproblemen führt (nach Hans von Sassen).

Abb.: Die vier Hauptphasen des NPI/Trigon Lebensphasenmodells (nach B. Lievegoed)

 

Das Lebensphasenmodell von Lievegoed geht zudem davon aus, dass es überall im Lebendigen einen Aufstieg, eine Blüte und einen Abstieg gibt. Beim Menschen gilt dies nur für seine körperliche Entwicklung. Die geistig-seelische Entwicklung kann der körperlichen folgen (absteigende Entwicklungslinie). Sie kann sich aber auch von ihr lösen und einen konträren Verlauf nehmen (=aufsteigende Entwicklungslinie). Geistig-seelisch kann sich der Mensch bis zu seinem letzten Atemzug weiterentwickeln.

Persönliche Berufserfahrungen mit dem Lebensphasenmodell

Ich durfte in den letzten Jahrzehnten hunderte Menschen in Gruppenseminaren bei der Biographiearbeit begleiten. Dabei haben sich die Teilnehmenden im Laufe von eineinhalb Tagen abseits der Alltagshektik systematisch mit drei Fragen beschäftigt: „Woher komme ich?“, „Wo stehe ich gerade?“ und „Wohin will ich (wirklich)?“

Welchen Nutzen stiftet dabei das Phasenmodell von NPI/Trigon?

  1. Es gibt Orientierung. Wenn auch jeder Lebenslauf einmalig ist, so ist es immer wieder spannend zu sehen, welche Aha-Erlebnisse sich einstellen, wenn man den großen Lebensbogen mit seinen Phasen und Qualitäten beschrieben bekommt.
  2. Man schult sein Gespür für die Entwicklungsrhythmen, die überall in der Natur und im Kosmos walten. Alles Lebendige entwickelt sich in Phasen. Nicht nur Schmetterlinge, auch Menschen und Organisationen. Das zu verstehen, kann helfen, sich als Teil von etwas Größerem zu sehen.
  3. Man lernt zu erkennen, wo innerhalb der großen Rhythmen der Freiheitsraum des Menschen liegt und welche Verantwortung damit für ihn und seine Mitwelt verbunden ist.
  4. Man kann sich seiner Einzigartigkeit gerade dort bewusst werden, wo die eigene Entwicklung (radikal) von den allgemeinen Phasenbeschreibungen abweicht.
  5. Das Allgemeine und das Individuelle besser zu erkennen, hilft einem nicht nur dabei, sich selbst besser zu verstehen, sondern auch seine Mitmenschen und das Leben selbst.

Literatur

Lievegoed, B. (2001). Lebenskrisen-Lebenschancen. Die Entwicklung des Menschen zwischen Kindheit und Alter. München.

 

Lesen Sie mehr zum Thema Syntaktisch in Beratung und Führung in unserer Gesamtausgabe Trigon Themen 03/2019