Trigon Themen 2|2019

Systemisch-evoulutionär. Der Coaching-Ansatz von Trigon

Von der Grauen Maus zur Prima Ballerina!

Methoden und die zugrunde liegende Haltung des systemisch-evolutionären Coachings: Eine exemplarische Fallbeschreibung.

Grund der Coaching-Anfrage

Frau M., 36, Juristin bei einem großen Versicherungskonzern, erscheint pünktlich zum Erstgespräch. Hochgewachsen, sehr grazil, businessmäßig gekleidet, strahlt sie etwas Ambivalentes aus: einerseits streng-diszipliniert, andererseits verletzlich- mädchenhaft. Auf meine Frage, was denn ihr Coaching-Anliegen wäre, kommt sie rasch auf den Punkt: sie möchte wiederholte „Gefühle der Inkompetenz“, verbunden mit einem „unkontrollierbaren Rot-werden“, „großer Verlegenheit“ und einem resultierenden „Gedanken-Wirrwarr“ los werden bzw. in den Griff bekommen.

Im Rahmen der diagnostischen Exploration stellt sich heraus, dass Frau M. seit mehr als sechs Jahren im Unternehmen arbeitet, dort als Expertin in Rechtsangelegenheiten sehr geschätzt wird und vor allem auch eine spezifische Stabstellenfunktion für den Vorstand inne hat, die sie bislang mit Bravour bewältigt habe. Deswegen wurde ihr auch eine Linienfunktion (Bereichsleitung Recht) in Aussicht gestellt – ein toller Karriereschritt. In Anbetracht der nun seit einigen Monaten auftretenden Symptome fürchtet Frau M. jedoch, dass sie im Rahmen des Bewerbungsprozederes (Hearings etc.) nicht souverän genug „rüberkommen“ würde, was unter Umständen ein Ausscheiden bedeuten könnte.

Auslösendes Ereignis

Meine Frage nach einem auslösenden Ereignis bzw. seit wann sie konkret die beschriebenen Symptome zeigen würde, brachten ein Erlebnis zu Tage, das mit Frau M. persönlich zwar nichts zu tun hatte, bei ihr jedoch eine Trigger-Wirkung zu haben schien. Etwa drei Monate zuvor war es im Rahmen eines internen Leitkreises des Unternehmens zu einem Eklat zwischen einem langjährigen Bereichsleiter und einem der Vorstände gekommen, bei welchem der Vorstand einen wahren „Tobsuchtsanfall“ bekommen hatte, sodass sogar das Meeting vorzeitig beendet werden musste. Schon während der Beschreibung der Szenerie zeigten sich deutliche Symptome bei Frau M. – sie bekam an Hals und Gesicht rote Flecken, sank in sich zusammen, hatte deutlich geweitete Augen, als würde Gefahr drohen und sie wirkte sehr schreckhaft und hilflos.

Intervention: Seitenmodell – inneres Team

Befinden sich Klienten in einem derart assoziierten Zustand, reproduzieren sie ein Als-ob-Erleben, sprich neuronale Netzwerke aus früheren Zeiten werden aktiv und gehen in den Vordergrund des Erlebens, mit all den damit verkoppelten psychischen wie physischen Erscheinungen.

Ich erläuterte Frau M. kurz meine geplante Intervention und lud sie ein, als erstes konkret zu beschreiben, welche Gefühle, Erinnerungen und/oder Assoziationen in ihr aufsteigen würden. Besonders wirkungsvoll sind vor allem auch Fragen nach physischen Wahrnehmungen, wie zum Beispiel: Wie groß sind Sie gerade? Wie alt? Welches Geschlecht haben Sie da (dies kann auch ein anderes als das tatsächliche sein)? usw. Meist folgen dann spontan Erinnerungen an Situationen, die Auslöser sein können. Frau M. erinnerte sich konkret an eine Situation bei einem Ferialjob während des Studiums in einem KMU (ca. 20 Jahre alt), in der der Chef, eine äußerst autoritäre und dominante Erscheinung, einen Wutausbruch bekam, als sie benötigte Unterlagen für einen Kunden nicht sofort fand. Sie selbst war (ihrer Erinnerung nach) zwar nicht die eigentliche Verursacherin gewesen, fühlte sich jedoch dessen Aggressionen ausgeliefert und sehr schuldig.

Das Brüllen des Vorstands, das Gefühl ebenfalls schuldig und Adressat zu sein, war offenbar Trigger zu diesem alten neuronalen Netz, aus welchem heraus sie jedoch nicht die überaus kompetente und erfahrene, ja souveräne Juristin war, sondern vielmehr die „kleine Praktikantin“, die „rot anlief“, im „Boden versinken wollte“, die nicht mehr klar denken konnte und der es die Sprache verschlug.

Ich bat Frau M. am Flipchart einen Kreis zu zeichnen, welcher diesem Zustand entsprach, ihn mit einem treffenden Namen (schüchterne Graue Maus) und diesen mit all den dazu gehörigen Eigenschaften zu versehen (Alter, Größe, Eigenschaften, typische Aussagen, Haltungen etc.). Dann bat ich sie aufzustehen und die dazu passende Haltung einzunehmen – sie machte sich kleiner, zog die Schultern nach oben, sah mit erschrocken-schuldbesetztem Blick nach oben, schlang die eigenen Arme schüchtern um sich.

Ich bat sie danach wieder an ihren Platz und wir explorierten Situationen, in welchen sie sich trotz Stress oder widriger Umstände kompetent, autonom, stark und selbstbewusst fühlte. Während sie nachdachte, änderte sich nach kurzer Zeit merklich Muskeltonus und Haltung – was ich sofort ansprach. Sie meinte darauf hin, ihr sei eingefallen, dass sie ja viele Jahre lang im Ballett gewesen wäre, sogar mehrfach als Jugendliche Soli in großen Aufführungen innehatte. Damals hatte sie gelernt, sehr diszipliniert und hart an sich zu arbeiten und auch so fokussiert bei der Sache zu sein, dass all die Ängste und der Stress in den Hintergrund gingen. Ich bat sie, dieser Seite einen treffenden Namen zu geben (Prima Ballerina) und dies ebenfalls mit den dazugehörigen Eigenschaften auf dem Flipchart zu visualisieren. Auch hierzu bat ich sie, wieder die passende Haltung einzunehmen, was sie gerne und mit Vehemenz tat – es war erstaunlich zu erleben, welche Wandlung in ihr vorging. Sie nahm Haltung an, war größer, hatte einen selbstbewussten Blick – fast herausfordernd – war merklich in ihrer Mitte.

Vom Problem- zum Lösungszustand

Im Sinne einer Problem-Lösungs-Gymnastik ersuchte ich sie, mehrfach die Vorstands-Situation zu visualisieren, die dazu gehörige Haltung der Grauen Maus einzunehmen und dann eine Metamorphose hin zur Prima Ballerina zu gestalten – was ihr sichtlich Spaß machte. Sie berichtete auch, dass es ihr in der Prima Ballerina-Haltung faktisch unmöglich war das Problemerleben zu visualisieren, da dies dann jeweils verschwand und andere (kompetentere) Bilder und Sequenzen in den Vordergrund kamen.

Um eine weitergehende Vertiefung und Verankerung des Kompetenzerlebens zu ermöglichen, bat ich Frau M. auch (in dem Fall auf zwei unterschiedlichen Stühlen) die beiden Seiten miteinander kommunizieren zu lassen. Die Graue Maus war sehr leise, sprach wenig und wenn, dann bat sie um Hilfe und Unterstützung oder war selbstanklagend. Die Prima Ballerina hingegen war sehr souverän, kompetent, selbstbewusst und bei weitem lauter. Auf meine Anregung hin bot letztere dann der Grauen Maus Unterstützung und Hilfe an, tröstete sie und sprach ihr Mut zu. Dies wirkte auf Frau M. sehr beruhigend und machte sie viel zuversichtlicher.

Transfer in die Praxis

Da Frau M. auf körperlicher Ebene auf die Haltung der Prima Ballerina so stark positiv angesprochen hatte, wurde vereinbart, dass sie immer dann, wenn sie die Befürchtung oder das Gefühl hat, nicht mehr ausreichend in ihrer Kompetenz zu sein, ihre Prima Ballerina-Haltung einnehmen würde.

Fazit

Die spezifische Kombination aus Grundhaltung, Arbeitsprinzipien, System- und Entwicklungsverständnis machen den Systemisch-Evolutionären Coaching-Ansatz nicht nur äußerst wirkungsvoll, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes ganzheitlich, gut anschlussfähig und immer spannend!

Anmerkung:

Name sowie Rahmenbedingungen wurden geringfügig verändert und gestrafft, um die Anonymität und Übersichtlichkeit zu sichern.

 

Lesen Sie mehr zum Thema Coaching in unserer Gesamtausgabe der Trigon Themen 02/2019: