Trigon Themen 02|2020

Zukunft der Arbeit - Arbeit der Zukunft

Inspirationsquelle „New Work“

von
Andrea Spieth und Eva-Maria Kampel

„New Work“ stellt den Mensch und seine Potenziale in den Mittelpunkt. Der Sozialphilosoph Prof. Dr. Frithjof Bergmann hat bereits 1990 darüber geschrieben. Heute ist „New Work“ ein Trend und eine Inspirationsquelle, vielleicht auch mit Antworten auf aktuelle Fragen.

Eine Einladung, Wirtschaften anders zu denken, bietet das Projekt Karma Kitchen: weg von einer 1:1 Transaktionslogik „Geld für Leistung“, hin zu einer „Many to Many“ Konzeption, einer Gift-Ecology. Das Sprichwort „What goes around, comes around“ ist Ausdruck dieses Gedankens.

Daraus entsteht ein Organisationsmodell, das auf der inneren Haltung der Großzügigkeit basiert. Menschen finden heraus, worin sie wirklich gut sind und wofür Ihr Herz so stark schlägt, dass Sie es sogar ohne Geld tun würden. Und dann tun sie es, unentgeltlich, in kleinen Schritten und in dem Vertrauen, dass dadurch entstehen wird, was entstehen will. Ohne übertriebenen Ehrgeiz, ohne Druck, ohne die Logik des Immer-Mehr. Zugegeben: ein Gedanke, der durchaus irritieren kann.

Die weltweit tätige Organisation Service Space, die Nipun Mehta gegründet hat, verfolgt diesen Ansatz und setzt dabei folgende Prinzipien um:

  • kleine Schritte
  • freiwilliges, vorbehaltloses Geben und
  • keine Spendengelder

Was die Organisation trägt, ist das Vertrauen, dass Menschen mit einer derartigen inneren Haltung sich finden, auf freiwilliger Basis gemeinsam Projekte ins Leben rufen und dadurch sozialer Impact entsteht. Dieser muss nicht bei der Unternehmensgründung durchdacht und analysiert sein, er entsteht durch das Miteinander Gleichgesinnter. Eines von vielen Beispielen ist Karma Kitchen: Restaurantbesitzer stellen unentgeltlich ihre Lokalitäten zur Verfügung, Freiwillige kaufen ein, kochen und übernehmen den Service. Der Gast erhält eine Rechnung über EUR 0,– mit der Einladung, so viel zu geben, damit der nächste Gast ebenfalls kostenlos essen kann („pay forward“).

Ein anderes Beispiel aus dem Gastronomiebereich mit anderem Schwerpunkt ist das Café Vollpension in Wien, das für generationenübergreifende Zusammenarbeit steht. Seit 2015 sind dort Menschen aller Altersgruppen beschäftigt. Dass Studierende im Service tätig sind, ist ein vertrautes Bild – dass Pensionistinnen in der Küche ihre besten Rezepte zubereiten, eher ungewöhnlich. Rentner und Rentnerinnen haben in diesem Konzept teil am Arbeitsleben und leisten ihren Beitrag. Das Unternehmen versteht sich als Experimentierraum und verfolgt soziale und wirtschaftliche Ziele gleichermaßen.

Dem Gründertrio Pfiffl, Lux und Krenmayr geht es darum,

  • den Dialog zwischen den Generationen zu fördern
  • Senioren im urbanen Raum aktiv einzubinden
  • und der Altersarmut vorzubeugen.

Gleichzeitig sehen sie das Café nicht als Sozialprojekt, sondern wollen damit Geld verdienen. Das gelingt, obwohl oder gerade weil Begegnungs- und Lernräume für neue Formen von Zusammenarbeiten und Zusammensein von Alt und Jung geschaffen wurden. Dem sozialen Anliegen folgen konkrete Taten:  beispielsweise, dass die Arbeitsbedingungen mit einer 5-Stunden-Schicht an die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten angepasst sind. Wie dieser Betrieb mit der aktuellen Situation umgeht: „Corona ist nicht vorbei. Die Vollpension aber auch nicht – und unterkriegen lassen wir uns sowieso nicht!“

Hinter einer Wortkreation, die aus dem Englischen kommt, verbirgt sich ein weiteres New Work Geschäftsmodell: Die Gig Economy. „Gig“ ist die Bezeichnung für einen Auftritt (zum Beispiel eines Musikers) und „Economy“ steht hier für Arbeitsmarkt. In der Gig Economy werden viele (eher kleinere) Aufträge an viele Menschen vergeben. Ein bekanntes Beispiel ist die Personenbeförderungsplattform Uber. Die gemeinsame Basis ist eine digitale Plattform, die die Aufträge verteilt. Die Fahrer arbeiten als Selbständige und werden pro Auftrag bezahlt. Für ihre soziale Absicherung sind sie selbst verantwortlich. Das ruft Kritik hervor, es werden Regularien gefordert, die für eine bessere Absicherung der Auftragnehmenden sorgen sollen. Auf der anderen Seite sind die Flexibilität, die in dieser Art von Selbständigkeit liegt, für manche richtig und die Reaktionsschnelligkeit, die diese Art der Vergabe von kleinen Aufträgen an Selbständige ermöglicht, hat Vorteile. Eine Lösung liegt darin, dass die Auftragnehmer die digitale Plattform, über die die Aufträge verteilt werden, selbst besitzen. Ein Beispiel dafür ist das Reinigungsunternehmen Up & Go. Dort arbeiten Putzkräfte, die flexibel über eine Onlineplattform gebucht werden können. Sie haben sich zu einer Kooperative zusammengeschlossen, die Plattform gehört ihnen gemeinsam, alle gehen selbst putzen und alle sind sozial abgesichert. Mit anderen Worten: Alle sind gleichzeitig Auftraggeber und Auftragnehmer in einem Unternehmen, das die Vorteile der Gig-Economy und die einer Genossenschaft vereint.

New Work ist auf dem Weg

Was nach neuer Welt klingt, macht auch vor bestehenden, traditionsreichen Unternehmen nicht halt. Ob Vier-Tage-Woche oder der Fünf-Stunden-Tag – sowohl bekannte Namen wie Microsoft als auch mittelständische Unternehmen wagen erste Gehversuche. Microsoft berichtet von Produktivitätssteigerungen durch effizientere Meetings, aber auch von Einsparungen im Energie- und Papierverbrauch. Im World Wide Web finden sich dazu viele weitere Beispiele wie die Firma Tower Paddle Boards (Stand Up Paddling Boards, USA), in der seit 2015 nur noch 25 Stunden pro Woche gearbeitet wird – bei gleichen Bezügen.

Weit über den Faktor Zeit hinaus geht das New Work Verständnis der Metafinanz Informationssysteme GmbH in München (Business und IT Beratung): dezentrale Entscheidungsfindung, ein neues Führungsverständnis und abgeschaffte Budgets. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 700 Mitarbeitende und ist seit 30 Jahren am Markt.  Auch die Firma Omicron (Prüfgeräte, A) setzt neben einem lebensphasenorientierten Arbeitszeitmodell  auf weitere New Work inspirierte Maßnahmen wie: In einem „Kitchen Team“ kochen abwechselnd Mitarbeitende für Mitarbeitende, auf der Dachterrasse steht eine Kletterwand für aktive Pausen zur Verfügung, eine gezielt gewählte Innenarchitektur bietet Begegnungszonen für verschiedenste Ansprüche. So facettenreich zeigt sich New Work – und ist vielleicht gerade auf Basis der Erfahrungen der letzten Wochen eine Einladung zum Weiterdenken.

Zum Weiterlesen und -schauen: